28.08.12 | Nationale Gedenkveranstaltung für die behinderten und psychisch kranken Opfer des Nazi-Regimes am 1. September

Gedenkplatte mit Inschrift "Ehre den vergessenen Opfern" und abgelegten Sonnenblumen (Foto aus der Einladung des Aktionskreises "T4-Opfer nicht vergessen")

Der Aktionskreis „T4-Opfer nicht vergessen“, dem auch die Lebenshilfe Berlin angehört, erinnert am 1. September an die behinderten und psychisch kranken Opfer des Nazi-Regimes. Die Mahn- und Gedenkveranstaltung beginnt um 14 Uhr in der Tiergartenstraße 4 in Berlin-Mitte.

Der Rassenwahn des NS-Regimes begann 1933 mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Mindestens 400.000 Menschen wurden bis Kriegsende zwangssterilisiert. Am 18. August 1939 – zwei Wochen vor Beginn des Zweiten Weltkrieges – wurden Hebammen, Geburtshelfer und Ärzte per Erlass verpflichtet, behinderte Neugeborene zu melden. Dies galt rückwirkend auch für Kinder bis zu drei Jahren. Mit dem sog. „Euthanasie-Erlass“ im Oktober 1939 begann die systematische Ermordung von als lebensunwert deklarierten kranken und behinderten Kindern und Erwachsenen. Den „Euthanasie-Erlass“ datierte Hitler auf den 1. September, den Tag des Kriegsbeginns, zurück.

In einer Villa in der Tiergartenstraße 4 befand sich der Sitz der Tarnorganisation, die das Mordprogramm organisierte. Aus Gründen der Geheimhaltung sprach man von der „Aktion T4“. Nach Bekanntwerden der Verbrechen in der Öffentlichkeit und dem Widerstand der Kirchen, wurde die Aktion im August 1941 offiziell eingestellt. Nachweislich waren bis dahin mindestens 70.000 Menschen getötet worden. Die als „wilde Euthanasie“ bezeichneten Morde gingen jedoch weiter.

Insgesamt starben in Deutschland und in von deutschen Truppen besetzen Gebieten über 300.000 behinderte und psychisch kranke Menschen durch Gas, Gift oder Verhungern. Die an ihnen erprobten Tötungsmethoden wurden zum millionenfachen Mord in den Konzentrationslagern eingesetzt. Erst im Herbst 2010 bekannten sich die Standesorganisationen der Kinderärzte und Psychiater zur Schuld ihres Berufsstandes und entschuldigten sich bei Opfern und Angehörigen.

Mit der Veranstaltung am 1. September informiert der Aktionskreis über den aktuellen Stand zum Gedenkort Tiergartenstraße 4 und beleuchtet die Rolle der Gesundheitsämter im Zusammenhang mit Zwangssterilisation und Patientenmord in der NS-Zeit.

Für die Umgestaltung des Gedenkortes Tiergartenstraße 4 hat der Deutsche Bundestag 500.000 EUR bereitgestellt. Bis zum 30. November können sich Schülerinnen und Schüler der 9. bis 13. Klasse am bundesweiten Ideenwettbewerb „andersartig gedenken!“ beteiligen.

Ingrid von Randow-Anschütz, Vorstandsmitglied der Lebenshilfe Berlin, ist es wichtig, auch aktuelle Entwicklungen im Zusammenhang mit bioethischen Fragestellungen im Blick zu behalten. „Niemals wieder darf das Leben behinderter Menschen in Frage gestellt werden!“, fordert die Mutter einer jungen Frau mit schwerer Mehrfachbehinderung.

Die Lebenshilfe Berlin wurde 1960 von Eltern geistig behinderter Menschen gegründet und setzt sich für die Rechte und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein.

Lebenshilfe Berlin
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Christiane Müller-Zurek
Pressesprecherin
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