26.01.12 | Zum Gedenktag am 27. Januar: Lebenshilfe erinnert an die „Euthanasie“-Morde in der NS-Zeit

Kränze auf der Gedenkplatte "Ehre den vergessenen Opfern" (Foto: Lebenshilfe Berlin)

Zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar erinnert die Lebenshilfe Berlin an die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte. Als angeblich „lebensunwertes Leben“ wurden zwischen 1939 und 1945 hunderttausende Menschen mit Behinderung ermordet. Sie fanden einen grausamen Tod in den Gaskammern, wurden vergiftet oder mussten langsam verhungern.

Unter der verschleiernden Tarnbezeichnung „Euthanasie“ – zu deutsch: schöner Tod – führte die NS-Regierung ab Oktober 1939 ein Programm zur systematischen Tötung behinderter Kinder sowie geistig behinderter oder psychisch kranker Erwachsener durch. Die Organisation fiel in die Verantwortung der „Reichsarbeitsgemeinschaft für Heil- und Pflegeanstalten“, die ihre Zentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin hatte. Aus Gründen der Geheimhaltung sprach man von der „Aktion T4“. Nach Bekanntwerden der Verbrechen in der Öffentlichkeit und dem Widerstand der Kirchen, wurde die Aktion im August 1941 offiziell eingestellt. Nachweislich waren bis dahin mindestens 70.000 Menschen getötet worden. Die als „wilde Euthanasie“ bezeichneten Morde gingen allerdings weiter. Insgesamt fielen in Deutschland und in von deutschen Truppen besetzen Gebieten über 300.000 behinderte und psychisch kranke Menschen der Tyrannei in der NS-Zeit zum Opfer.

Bis heute befindet sich auf dem Gelände der Tiergartenstraße 4 lediglich eine kaum wahrnehmbare Gedenkplatte und Informationstafel. Am 10. November 2011 hat der deutsche Bundestag einem interfraktionellen Antrag zugestimmt, der die Bundesregierung auffordert, sich am Standort Tiergartenstraße 4 für eine angemessene Würdigung und Information der nationalsozialistischen ”Euthanasie”-Morde an Menschen mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung in Deutschland und Europa einzusetzen und einen entsprechenden Ideenwettbewerb zu begleiten. Im Zusammenhang mit dem Ideenwettbewerb wird ausdrücklich gefordert, "Betroffene und Verbände" einzubinden. Das Land Berlin finanziert den Ideenwettbewerb und stellt das Grundstück zur Verfügung.

Günter Jahn, der Vorsitzende der Lebenshilfe Berlin, hält es für wichtig, dass sich neben der Bundesvereinigung Lebenshilfe auch die Lebenshilfe Berlin an der Begleitung und den Beratungen beteiligt: „Wir müssen die Belange geistig behinderter Menschen als größte Gruppe der Euthanasieopfer dar- und sicherstellen und im Sinne aller Opfergruppen gemeinsam eine angemessene Form des Gedenkens finden. Dabei darf es nicht beim Erinnern bleiben. Es gilt, wachsam zu sein, und auch aktuelle Entwicklungen – zum Beispiel im Zusammenhang mit bioethischen Fragestellungen – aufzugreifen. Das Leben behinderter Menschen darf nie wieder in Frage gestellt werden!“

Die Gedenkveranstaltung am 27.1.2012 wird ab 14 Uhr live aus dem Foyer der Philharmonie als Audiostream auf http://www.gedenkort-t4.eu/ übertragen. Zusammen mit geladenen Gästen aus Politik, Kultur und Verbänden der Opferangehörigen lässt Hubert Hüppe, der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, vor allem Jugendliche mit und ohne Behinderung zu Wort kommen. Neben der Präsentation einer Berliner Schulklasse, die sich intensiv mit den NS-Massenmorden an behinderten und psychisch erkrankten Menschen auseinandergesetzt hat, finden auch Lesungen mit behinderten Schauspielern und der Angehörigen eines Opfers statt. Musikalisch begleitet wird die Veranstaltung u.a. von Werken des Schönberg-Schülers Norbert von Hannenheim, der 1945 in der Tötungs-Anstalt Meseritz-Obrawalde zu Tode kam.

Noch bis zum 20. Mai erinnert im Berliner Dokumentationszentrum Topographie des Terrors die Ausstellung "Im Gedenken der Kinder - die Kinderärzte und die Verbrechen an Kindern in der NS-Zeit" an die medizinischen Verbrechen an kranken und behinderten Kindern und Jugendlichen. Mehr als 5.000 wurden allein in „Kinderfachabteilungen” – eigens für die Tötung geschaffenen Einrichtungen – gequält und ermordet. Sie wurden für Experimente missbraucht und ihre Organe nach dem Tod zu Forschungszwecken verwendet.

Die Lebenshilfe Berlin wurde 1960 von Eltern geistig behinderter Menschen gegründet und setzt sich für die Rechte und gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein.

Lebenshilfe Berlin
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Christiane Müller-Zurek
Pressesprecherin
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