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„Wir machen es einfach“ – Beratung auf Augenhöhe

Expertenrunde mit Moderator Marko Reimer (Foto. Matthias Heinzmann)

Fotos: Matthias Heinzmann

Der bundesweite Fachtag der Lebenshilfe Berlin am 20. April 2018 beleuchtete das Konzept Peer-Beratung aus verschiedenen Perspektiven. Mehr als 120 Teilnehmer*innen diskutierten im Centre Monbijou mit Experten aus den Bereichen Selbstvertretung, Praxis, Politik und Wissenschaft.

Was ist Peer-Beratung? „Ich kann niemandem erklären, wie rote Grütze schmeckt, wenn ich sie noch nicht selbst probiert habe“, brachte es Peer- Berater Michel Will auf den Punkt. Sascha Ubrig, der hauptamtliche Interessenvertreter der Lebenshilfe Berlin ergänzte: „Peer Berater verstehen uns besser und sprechen unsere Sprache. Wir brauchen Personen, die genauso ticken wie wir!“ Der Erfolgsfaktor der Peer-Beratung liegt in der Erfahrung und der Begegnung auf Augenhöhe.

Peer-Beratung und Selbstvertretung gehören zusammen

Ursprünglich entwickelt wurde das Konzept Peer-Beratung von und für Menschen mit Körperbehinderung. Seit 2015 läuft das dreijährige trägerübergreifende Modellprojekt „Peer-Beratung“ der Lebenshilfe Berlin. Es soll den Zugang zur Peer-Beratung für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung einfacher machen, erläuterte Projektleiterin Nicole Genandt. In Berlin seien bisher erst wenige Menschen mit Lernschwierigkeiten als Peer Berater tätig, so Genandt, das ändere sich jedoch durch das Bundesteilhabegesetz.

Die Projektmitarbeiterinnen Karin König und Veronika Schürheck gaben einen Rückblick auf den bisherigen Projektverlauf und die Schulung. Inzwischen beraten die ersten zertifizierten Peer-Berater*innen mit Beeinträchtigung In den Bereichen Wohnen und Sucht aus ihrer eigenen Erfahrung heraus andere Menschen mit Beeinträchtigung. Wie das in der Praxis funktioniert, zeigte ein 10-minütiges Video. „Jeder Peer-Berater hat seine eigenen Stärken“, zog König Bilanz und stellte alle anwesenden Peer-Berater*innen  auf der Bühne vor.

Zurzeit schult das Projekt weitere Peer-Berater zu den Themen Teilhabeberatung und Frauen- und Männerbeauftragte in Zusammenarbeit mit der Mutstelle Berlin, der trägerübergreifenden Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt. Ob weitere Schulungen angeboten werden können, hänge von der weiteren Finanzierung ab, so Genandt.

Peer-Beratung braucht Ressourcen

Die anwesenden Experten waren sich einig: „Gute Beratung erfordert entsprechende Ressourcen.“ Ulrike Pohl, Referentin für Menschen mit Behinderung beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin, forderte nicht nur mehr Peerberatungsangebote für Menschen mit Lernschwierigkeiten, sondern auch die Bereitstellung der erforderlichen Assistenz. Die Landesbehindertenbeauftragte Christine Braunert-Rümenapf will sich für eine Regelfinanzierung einsetzen, die auch Schulung und Supervision umfasst. Prof. Dr. Gudrun Wansing von der Humboldt-Universität Berlin gab konkrete Tipps, wie die Peer-Beratung sich noch besser bekannt machen und vernetzen kann.

Die Lebenshilfe sei schon gut unterwegs, stellte der Aktivist Otmar Miles-Paul fest, mahnte jedoch an, Menschen mit Lernschwierigkeiten als Peer-Berater auch zu bezahlen, damit sie von ihrer Arbeit leben können. Bisher erhalten die Peer-Berater*innen im Projekt eine Vergütung über die Ehrenamtspauschale.

Peer-Beratung ist Empowerment

Am Nachmittag tauschten sich die Teilnehmer*innen in zwei offenen Arbeitsgruppen zu den Fragen „Wie kann ein Netzwerk helfen?“ und „Wie macht man gute Peer-Beratung?“ aus. Peer-Berater*innen und weitere Fachleute aus der Praxis trugen viele wertvolle Anregungen und Ideen zusammen, die zum Abschluss im Plenum präsentiert wurden.

Bei Barrierefreiheit und Teilhabe ging der Fachtag mit gutem Beispiel  voran. Nicht nur die Einladung war in Leichter Sprache verfasst, alle Redner verwendeten einfache Sprache, simultan wurden die Redebeiträge in Leichte Sprache übersetzt. Für Hörbehinderte gab es Induktionsschleifen, und alle Räume einschließlich der Bühne waren für Rollstuhlfahrer zugänglich. Mario Kabioll, der Leiter der Beratungsdienste, und der Peer-Berater Marko Reimer moderierten den Fachtag im Tandem, und das Video stammte von der inklusiven Filmwerkstatt.

Das Projekt Peer-Beratung wird gefördert von der Aktion Mensch und der Software AG Stiftung. Projektleiterin Nicole Genandt freut sich über die gelungene Veranstaltung und zieht Bilanz: „Wir haben schon sehr viel geschafft. Deutlich wurde allerdings, dass wir insbesondere im Bereich Finanzierung noch einiges zu tun haben!“

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