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Aus der Geschichte lernen

Preisverleihung des Wettbewerbs "andersartig gedenken" am 1. Oktober

Alle Preisträger (Foto: Marko Georgi)

Wie kann die schwierige Geschichte der NS-„Euthanasie“-Verbrechen an junge Menschen in der Gegenwart vermittelt werden? Wie kann die junge Generation aus der Geschichte lernen? Wie kann sie für ein besseres Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung sensibilisiert werden?

Der Vorstand der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft Günther Saathoff beschreibt einen möglichen Weg: „Die Formate des Wettbewerbs andersartig gedenken on stage und des szenischen Theaters können außerordentlich produktive pädagogische Plattformen sein, nicht nur zur Aneignung und Vermittlung historischer Kenntnisse, nicht nur zur Vergegenwärtigung ganz konkreter individueller Lebens- und Leidenswege, sondern auch durch die demokratische Beteiligung, etwa durch den Einbezug des Inklusionsgedankens“.

Die Arbeitsgemeinschaft gedenkort-T4.eu schrieb im Herbst 2015 bundesweit den Theaterwettbewerb "andersartig gedenken on stage" für Schulen und inklusive Theatergruppen aus. Die Aufgabe war es, Biografien von Opfern der NS-„Euthanasie“ zu recherchieren und auf der Bühne zu erzählen.
Bis Ende Mai 2016 wurden 14 Videomitschnitte und Trailer der selbst entwickelten Theaterstücke eingereicht. Die teilnehmenden Gruppen bewiesen dabei, dass Theater die Kraft besitzt, eine Verbindung zwischen einem Einzelschicksal eines Menschen aus der Vergangenheit mit den Akteuren auf der Bühne und den Zuschauern im Publikum herzustellen. Alle Stücke berührten unmittelbar. Die Jury, der u.a. Sigrid Falkenstein angehörte, bestimmte am 4. Juni die sieben Preisträger.

Am 1. Oktober wurden die Preisträger im Rahmen der feierlichen Preisverleihung im Kulturcentrum am Wartburgplatz „Die Weisse Rose“ in Berlin geehrt. Es war ein Abend vieler besonderer Momente. Die ca. 130 anwesenden Gäste wurden von den Vertretern der Förderer Stiftung EVZ , Bundesvereinigung Lebenshilfe, Lebenshilfe Berlin und der Stiftung Parität begrüßt.

Ulla Schmidt, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Bundesvorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe beschrieb das Ziel des Wettbewerbes, eines der 300.000 Opfer der NS-„Euthanasie“-Verbrechen dem Vergessen zu entreißen, so: „Fast Jeder kennt das furchtbare Schicksal der Anne Frank, aber wer kennt Käthe Spreen?“

Die Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Berlin, Prof Dr. Barbara John, zitierte den Münsteraner Bischof von Galen, der am 3. August 1941 die Morde der sogenannten „Euthanasie“ anprangerte: „Wenn es Recht sein soll, unproduktive Menschen zu töten, dann wehe uns allen, wenn wir einmal alt oder krank werden.“
Günther Saathoff, Vorstand der Stiftung EVZ, erinnerte in seiner Ansprache auch an das Schicksal der 350.000 Zwangssterilisierten, sowie deren jahrzehntelangen Kampf um Anerkennung als Verfolgte des NS-Regimes.

Die Jurorin Sigrid Falkenstein (3.v.l.) mit Vertretern des Theaterkurses des Schulzentrums Geschwister Scholl Bremerhaven, Regisseurin Ellen Lindek und Tanzchoreografin Claudia Hanfgarn (Foto: Marko Georgi)
Die Jurorin Sigrid Falkenstein (3.v.l.) mit Vertretern des Theaterkurses des Schulzentrums Geschwister Scholl Bremerhaven, Regisseurin Ellen Lindek und Tanzchoreografin Claudia Hanfgarn (Foto: Marko Georgi)

Der erste Preis ging an das Schulzentrum Geschwister Scholl aus Bremerhaven für das Theaterstück „KÄTHE – ein Opfer der Euthanasie im Nationalsozialismus“. Den zweiten Preis für das Theaterstück „Geheimnisse im Kopf“ erhielt die Kooperation des Carl-Orff Gymnasiums Unterschleißheim und des Heilpädagogischen Centrum Augustinum Oberschleißheim. Weitere Preisträger sind das Ernst-Mach-Gymnasium und die Mittelschule Haar für die Produktion „Spurensuche – was für ein Mensch willst Du sein“, das Bandhaus-Theater Backnang für das Theaterstück „Kannst Du schweigen? – Ich auch!“ und die Geschwister Scholl Oberschule Bad Laer für das Theaterstück „Rupprecht Villinger – Recht auf Leben“.

Prof. Dr. Marianne Hirschberg (Jury), Ingrid von Randow (Lebenshilfe Berlin) mit den Preisträgern vom Theater 36 Hamburg Jörn Waßmund (Regisseur) und Michael Georgi für die Darsteller (Foto: Marko Georgi)
Prof. Dr. Marianne Hirschberg (Jury), Ingrid von Randow (Lebenshilfe Berlin) mit den Preisträgern vom Theater 36 Hamburg Jörn Waßmund (Regisseur) und Michael Georgi für die Darsteller (Foto: Marko Georgi)

Für eine gelungene Umsetzung des Inklusionsgedankens verlieh die zweite Vorsitzende Ingrid von Randow den Inklusionspreis der Lebenshilfe Berlin an das Theater 36 aus Hamburg und das Theaterstück „Der Brief – ein Spiel zwischen Gestern und Heute“. In ihrer Ansprache betonte sie, dass Gleichstellung von Menschen mit Behinderung auch heute immer noch nicht selbstverständlich ist.
Der Gewinner des Förderpreises für die herausragende schauspielerische Einzelleistung, Kai Bosch, vom Bandhaus-Theater Backnang, sagte in seiner Dankesrede: „Ich bin dankbar, dass ich in der heutigen Zeit leben darf. Jedes Leben ist lebenswert. Jeder Mensch hat Fähigkeiten. Jeder Mensch ist einzigartig.“

Zum Abschluss wurde der Siegerbeitrag „KÄTHE“ aufgeführt. Eindringlich erzählt das Stück die Geschichte von Käthe Spreen, einer jungen Frau, die in Bremerhaven geboren und in Hadamar 1941 umgebracht wurde. Bewegend ist auch der Schluss: Wenn die Schüler, grau in grau, in einem der grauen Busse sitzen, der die Kranken in die Mordanstalten gefahren hatte, und dann sehr bewusst aussteigen, zurück in ihre eigene Identität gehen und erzählen, was ihnen im Umgang mit Stück und Sujet passiert ist: „Im Unterricht hat mich das nie interessiert, aber jetzt wird es so begreifbar“, sagt einer von ihnen. Damit liefert „Käthe“ zugleich den Beweis, dass das, was sich die AG gedenkort-T4.eu mit dem Wettbewerb andersartig gedenken on stage vorgenommen hat, auch eingetreten ist: die intensive Auseinandersetzung möglichst vieler junger Menschen mit und ohne Behinderungen mit zu oft vergessenen, zu oft verdrängten Thema der NS-„Euthanasie“ und mit den wenigen bekannten Biographien von Opfern.

(Stana Schenck)

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